Reformationstag

Erstellt am 31.10.2021

„Wir sind alle gefordert.“ Jeden Einzelnen – egal an welchem Platz und an welchem Ort – nahm Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland, am Sonntag in der Lutherkirche beim gemeinsamen Gottesdienst der Evangelischen Gemeinden Altena, Dahle, Evingsen, Nachrodt-Obstfeld und Wiblingwerde in die Pflicht, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen.

Den Regionalgottesdienst zum Reformationsfest nutzte der in Dahle aufgewachsene und durch den CVJM geprägte Diakon, der bei dem festlichen Gottesdienst die Predigt hielt, um Einblick in die Arbeit der Tafeln zu gewähren und „eine dringend notwendige Reformation auch im Kleinen“ anzustoßen. Neben den beiden Pfarrern Wolfgang Kube (Nachrodt-Obstfeld) und Uwe Krause (Dahle und Evingsen) wirkten Gemeindemitglieder aus den beteiligten Gemeinden an dem gut besuchten Gottesdienst, der unter dem Motto „Die Region tafelt nicht mit Luther, sondern mit Brühl“ stand, mit. Musikalisch verliehen der CVJM-Posaunenchor unter Leitung von Volker Grefe und Anke Dörsing aus Iserlohn an der Orgel dem Vormittag einen feierlichen Charakter.In Interviewform stellte Presbyter Carsten Menzel den Gottesdienstbesuchern Jochen Brühl als Gastprediger vor. 1517 habe Luther mit dem Anschlag seiner 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskirche Missstände aufgedeckt. Im Gottesdienst solle es um die segensreiche Arbeit der Tafeln gehen. Jedoch sei auch die Tatsache, dass es in einem reichen Land wie Deutschland Tafeln gebe, ein Missstand, führte Menzel aus. Zu seinem Studium in Ludwigsburg, seinem Weg zur Tafel, Beruf und Berufung befragte er den Dahler, der seit 2013 Vorsitzender der Tafel Deutschland ist. Immer noch schockiert und fassungslos zeigte sich Brühl über die Flutkatastrophe, die in Altena große Schäden anrichtete und Menschenleben forderte. Auch die Tafel habe mehrere Flutopfer zu beklagen, führte er aus. „Momente, wenn Lebensträume sich in Luft auflösen“ wie bei der Flut nahm er zum Anknüpfungspunkt von berührenden Geschichten, mit denen er zur Bibel und Gleichnissen wie dem vom Barmherzigen Samariter oder der Flucht von Maria und Joseph nach Ägypten eine Brücke schlug. „Die Bibel ist voll von solchen Geschichten“, erklärte er. Allein 200 000 Flüchtlinge würden durch die Tafeln unterstützt. Tafeln seien Orte der Hilfe und Mitmenschlichkeit. „Menschen treffen sich, die sich sonst nie getroffen hätten.“ Auf die aus den USA stammende Tafel-Idee, Lebensmittel, die sonst entsorgt würden, an Bedürftige zu verteilen, ging er ein. Tafeln seien die größten Lebensmittelretter. 960 Tafeln würden in Deutschland 256 000 Tonnen Lebensmittel retten. „Das sind 500 Kilogramm pro Minute.“ Allein in Deutschland würden jährlich 12 Millionen Tonnen genießbarer Lebensmittel vernichtet. Viele der 1,65 Millionen Menschen, die zur Tafel kommen, hätten nie gedacht, dass sie – aufgrund zu geringer Rente, zu hoher Miete, durch Hartz IV oder zu viele Kinder – einmal auf die Hilfe der Tafeln angewiesen sein würden. „Bei uns zählt der Mensch“, betonte der Diakon. Egal, ob es sich bei dem Bedürftigen um eine Rentnerin oder einen syrischen Arzt, der hierzulande nicht arbeiten darf, handele. Was es dringend brauche, sei ein neuer Blick auf die Welt. Nötig sei nicht nur eine neue Regierung, es brauche vielmehr alle, um die Probleme nachhaltig anzugehen und eine gerechtere Welt zu schaffen.  Zu Herzen ging die Geschichte eines Winteressens der Tafel in Ludwigsburg, die Jochen Brühl erzählte. Ein älterer Mann offenbarte dem Diakon darin, dass der Handschlag zur Begrüßung und zum Abschied seine erste menschliche Berührung im Jahr war. Passenderweise war die Kollekte des Gottesdienstes für die Tafel in Altena bestimmt. Bild 1 Gemeinsam feierten die Evangelischen Kirchengemeinden Altena, Dahle, Evingsen, Nachrodt-Obstfeld und Wiblingwerde am Sonntag in der Lutherkirche einen festlichen Reformationsgottesdienst.

Text: Monika Salzmann
Fotos: Jakob Salzmann